
Ein Beitrag zur Reflexion professioneller Haltung im Hort einer Förderschule und wie Beziehung unter schwierigen Bedingungen gelingt.
In Horten an Förderschulen begegnen pädagogische Fachkräfte Kindern, deren Verhalten oft von früher emotionaler Unsicherheit geprägt ist. Der folgende Beitrag widmet sich nicht Diagnosen oder Förderplänen, sondern stellt die Qualität der Beziehung in den Mittelpunkt:
- Was bedeutet es, in authentische Resonanz zu einem anderen Menschen zu treten?
- Was bedeutet es, eine Verbindung zu halten, ohne sich selbst zu verlieren? und
- Was braucht es strukturell, damit Fachkräfte diese Aufgabe auch auf Dauer gut und professionell erfüllen können?
Dieser Beitrag entstand aus der gemeinsamen Arbeit und Reflexion von Yasmina Rouane (KINDER STÄRKEN-Fachkraft im Betreuungsangebot der Comenius-Schule in Leipzig) und Tobias Lehmann (KBS-Koordinator).
Resonanz als pädagogisches Prinzip
Pädagogische Beziehungen in einem Hort an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen sind intensiv, manchmal herausfordernd, oft berührend. Die Kinder, die diesen Ort besuchen, bringen nicht nur ihre individuellen Entwicklungsbedarfe mit, sondern auch biografische Erfahrungen, die sich tief in ihre emotionalen Muster eingeschrieben haben. Diese Muster prägen das Verhalten zutiefst. Viele von ihnen haben früh gelernt, dass Nähe unsicher, Bedürfnisse unwillkommen oder Emotionen gefährlich sein können.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich pädagogische Fachkräfte täglich: Sie sollen Halt geben, Strukturen schaffen, Beziehungsangebote machen – und gleichzeitig ihre eigene emotionale Integrität bewahren. Wie also können pädagogische Fachkräfte als Resonanzkörper wirksam werden – und was braucht es, damit dies im Alltag eines Hortes mit dem Förderschwerpunkt Lernen (ggf. auch sozial-emotionale Entwicklung) gelingen kann.
Die Realität im Hort: zwischen Lärm, Rückzug und Nähewunsch
Kinder im Hort einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen zeigen oft ein Verhalten, das irritieren, verunsichern oder verletzen kann: Wutausbrüche, Distanzlosigkeit, vermeidendes Verhalten, hohe Impulsivität, Reizbarkeit oder starker Rückzug. Diese Verhaltensweisen sind selten zufällig. Sie sind meist Copingstrategien, die sich aus frühen, oft belasteten Beziehungserfahrungen heraus entwickelt haben.
Viele dieser Kinder haben in ihrer frühen Kindheit weniger förderliche Bindung erfahren. Ihnen fehlt es zu Hause oftmals an emotionaler Resonanz – also an einem sensiblen, wohlwollenden Spiegeln ihrer Gefühle. In einigen Familien sind die Voraussetzungen für diese Form der Zuwendung unter anhaltender sozioökonomischer oder psychischer Belastung kaum gegeben. Stattdessen erfahren diese Kinder regelmäßig Empathielosigkeit, Geringschätzung oder sogar Gewalt. Die Folge: ein unsicheres Selbstbild, eine geringe Fähigkeit zur Selbstregulation und eine ausgeprägte Wachsamkeit gegenüber potenzieller Zurückweisung oder Kontrollverlust.
Diese Kinder brauchen Resonanz – aber sie fordern sie zugleich in einer Weise ein, die konfrontativ, distanzverletzend oder scheinbar unzugänglich sein kann. Für pädagogische Fachkräfte entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: professionell anwesend bleiben – und emotional erreichbar sein, ohne sich selbst zu verlieren.
Pädagogische Fachkräfte als Resonanzkörper
In solchen Kontexten reicht Fachwissen allein nicht aus. Pädagogische Fachkräfte sollten sich selbst als Resonanzkörper verstehen und diesen gestalten:
Das bedeutet, nicht nur „haltende“ oder „regulierende“ Instanzen zu sein, sondern selbst Teil des emotionalen Systems zu werden, in dem Kinder sich bewegen. Doch diese Form der professionellen Präsenz ist anspruchsvoll. Denn sie verlangt, dass ich meine eigenen Emotionen spüre, reflektiere und in einer Form kommuniziere, die weder ausagiert noch verleugnet. Es ist keine Schwäche zu sagen:
„Ich merke, das hat mich getroffen. Ich brauche kurz einen Moment, um mich zu sortieren.“
„Ja, du siehst richtig, mir geht es heute nicht gut, weil ich einen Streit hatte, und der beschäftigt mich noch. Ich kann dir trotzdem zuhören, wenn du mir etwas erzählst.“
Im Gegenteil: Kinder erfahren darin ein authentisches Modell für den Umgang mit Überforderung – etwas, das sie erleben und erlernen können.
Gelegenheit für Reflexion
Professionelle Resonanz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht strukturierte Gelegenheiten, um erlernt bzw. weiterentwickelt zu werden. Dies kann durch Supervision, Einzelberatungen, Teamcoachings oder kollegiale Beratung geschehen, um die eigenen Reaktionen besser zu verstehen und handhabbar zu machen.
Besonders wertvoll ist die Frage: Wie wirke ich auf das Kind – und was sagt sein Verhalten über unsere Beziehung?
In solchen Formaten kann sichtbar werden, dass nicht jedes Verhalten des Kindes gegen mich gerichtet ist – sondern dass es Ausdruck eines inneren Musters ist, das sich vielleicht durch meine Körpersprache, meine Stimmlage oder meine Haltung aktiviert fühlt.
Wer sich dieser Dynamik stellen will, braucht Räume der Offenheit – und eine Kultur, die Feinfühligkeit nicht als Schwäche, sondern als Kompetenz begreift. Eine solche Kultur ist entscheidend dafür, wie tragfähig, professionell und reflektiert pädagogische Teams arbeiten können.
Grenzen setzen, ohne die Beziehung zu brechen
Ein zentrales Missverständnis im pädagogischen Alltag ist die Vorstellung, dass professionelles Handeln Distanz und Neutralität verlangt. Tatsächlich braucht es das Gegenteil: klare Selbstwahrnehmung und echte Nähe – mit Grenze.
Grenzen zu setzen heißt nicht, sich zu entziehen. Es heißt: sichtbar werden:
„Ich merke, das geht mir zu weit – und ich möchte, dass wir anders miteinander umgehen.“
„Ich bin bereit, dir zu helfen – und ich brauche einen respektvollen Ton dabei.“
„Ich kann jetzt nicht auf deinen Wunsch eingehen, aber ich sehe dich und nehme dich ernst.“
Solche Sätze zeigen Kindern: Auch Erwachsene sind fühlende Wesen. Aber sie brechen die Beziehung nicht ab, sondern bleiben ansprechbar, präsent und transparent. Das ist vielleicht die wirksamste Form von Erziehung, die wir anbieten können.
Strukturelle Ermöglichung: Resonanz braucht Rahmen
Diese Form von emotionaler Präsenz lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Fachkräfte brauchen die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren, bevor sie andere regulieren können. Dazu gehören:
- Rückzugsräume nach belastenden Situationen
- Flexible Pausengestaltung, auch außerhalb starrer Zeiten
- Zeitfenster für Reflexion und Supervision, fest in den Wochenablauf integriert
- Teamkultur mit gegenseitigem Verständnis, auch bei emotionalen Belastungen
- Fehlertoleranz und wohlwollende Rückmeldung bei emotional schwierigen Situationen
Wenn diese Bedingungen fehlen, können pädagogische Fachkräfte in einen Zustand von Überforderung und Erschöpfung geraten. Hierdurch steigt die Gefahr, dass es zu Überreaktionen, Beziehungsabbrüchen, Schuldgefühlen oder zum Rückzug in zynische Distanz kommt. All das wirkt sich direkt auf die Kinder aus – und beeinträchtigt langfristig die Qualität und das Klima der gesamten Einrichtung.
Resonanz ist beidseitig: Auch die Kinder brauchen sichere Erwachsene
Bei aller nötigen Aufmerksamkeit für die emotionale Situation der Fachkräfte darf eines nicht aus dem Blick geraten: Kinder in besonders belasteten Lebenssituationen haben ein Bedürfnis nach Beziehung, Sicherheit und Gesehenwerden. Sie haben feine Sensoren für Ablehnung und Abwertung – und ziehen sich zurück oder eskalieren.
Das Spannungsfeld zwischen eigener Stabilität und verlässlicher Beziehungsgestaltung ist kein Widerspruch, sondern der Kern pädagogischer Professionalität. Wer Grenzen setzen kann, ohne die Beziehung aufzukündigen, schafft die Grundlage für echte Entwicklung – bei sich selbst und bei den Kindern.
Dabei kann es den pädagogischen Fachkräften helfen, sich folgende Fragen zu stellen:
- Was löst das Verhalten des Kindes in mir aus?
- Wie reagiere ich – und wofür ist es wichtig, so zu reagieren?
- Wie kann ich da bleiben, ohne mich zu verlieren?
Rahmenbedingungen für resonanzorientiertes Arbeiten schaffen
Professionelles pädagogisches Handeln in hochbelasteten Kontexten erfordert mehr als individuelle Kompetenz – es bedarf struktureller und institutioneller Voraussetzungen, die resonanzorientiertes Arbeiten überhaupt erst ermöglichen. Einrichtungen sollten sich daher der Frage stellen, inwieweit sie Rahmenbedingungen schaffen, die es Fachkräften erlauben, als emotional präsente und selbstwahrnehmende Resonanzpartner wirksam zu sein.
Dazu gehören nicht nur Reflexionsformate und Rückzugsräume, sondern auch eine Team- und Leitungskultur, in der Resonanz nicht nur eingefordert, sondern auch erfahrbar und abgesichert ist. Der Anspruch, Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung zu begleiten, setzt voraus, dass Fachkräfte selbst in sicheren, verstehenden und professionell unterstützenden Kontexten agieren können.
Eine regelmäßige Selbstbefragung könnte lauten: In welcher Weise gelingt es mir als Fachkraft, in herausfordernden Situationen präsent, grenzbewusst und beziehungsorientiert zu handeln – und welche strukturellen oder persönlichen Faktoren erschweren dies?
Die Erkenntnis, dass es in diesem Spannungsfeld für alle Beteiligten „Luft nach oben“ gibt, ist dabei kein Zeichen von Defizit, sondern Ausdruck professioneller Entwicklungsoffenheit.
Titelbild Freepik