Zeitschriftenprojekt: GEOlino im Hort … und warum Egon den Frühhort jetzt cool findet
Immer wieder beobachten wir, dass Kinder, die in herausfordernden Lebenslagen aufwachsen, Antworten auf ihre Fragen bei TikTok oder YouTube suchen. Oft, weil ihnen alternative Wissensquellen nicht bekannt sind oder nicht zur Verfügung stehen.
Um hier gegenzusteuern, startete im September 2023 im Hort des Bildungszentrums Adam Ries, finanziert von der Stadtverwaltung Annaberg-Buchholz, ein Zeitschriftenprojekt.
Als zusätzliche Fachkraft möchte ich Kindern einen einfachen Zugang zu Printmedien ermöglichen. Besonders angesprochen werden sollen Kinder, die im Rahmen von KINDER STÄRKEN 2.0 unterstützt werden, um ihre Teilhabe zu erweitern. Zeitschriften sind in vielen Familien aufgrund finanzieller Belastungen kaum vorhanden. Das Projekt schafft hier einen Ausgleich und eröffnet allen Kindern neue Wege des Wissenserwerbs.
Ich kaufte verschiedene Zeitschriften und stellte sie in allen Hortgruppen vor: SCHLAUFUCHS, Dein SPIEGEL, ZEIT Leo, Woozle Goozle, Frag doch mal die Maus, ModellEisenBahner, WAS IST WAS und GEOlino. Dafür brachte ich eine abgedeckte Kiste mit Zeitschriften und einem Stimmzettel in den Stuhlkreis. Nach dem feierlichen Lüften des Geheimnisses wurde die Kiste herumgereicht und die Kinder blätterten darin. Sie konnten anschließend auf dem Stimmzettel für ihre Lieblingszeitschrift stimmen und auch Zeitschriften aufschreiben, welche noch ergänzt werden sollten.
Seitdem erhalten die Kinder einmal im Quartal neue Zeitschriften. Sie erfahren davon über die Hortwandzeitung und durch die Hortsprecher:innen.

Die kindgerechten Magazine bieten seitdem für mich und die Kolleg:innen vielfältige Anlässe für Gespräche mit den Kindern. Einmal neugierig geworden, nutzen inzwischen viele der Kinder die Möglichkeit, im Hort zu lesen. Die Zeitschriften-Zeit ist für viele von ihnen zu einer kleinen Pause-Taste geworden, die entschleunigt, Spaß macht und zum Entdecken einlädt. Oft entstehen daraus Gespräche unter den Kindern, manchmal auch Diskussionen. Eine gute Basis für politische Bildung. In meiner Arbeit mit den Kindern merke ich immer wieder, wie sehr sich Kinder mit den Geschehnissen in unserer Welt und in unserem Land beschäftigen. Und ganz nebenbei stärken die Kinder spielerisch ihre Lesefähigkeiten und ihr Textverständnis. Sprache ist schließlich eines der wichtigsten Werkzeuge, um die Welt zu verstehen.
Ein Erlebnis bleibt besonders in Erinnerung: Egon* besucht unseren Frühhort und es fiel den pädagogischen Fachkräften und auch mir auf, dass er am liebsten Panzer malt, Kriegspläne entwirft und viel über Krieg erzählt, oft basierend auf Filmen und YouTube-Videos. Oftmals entsprachen seine Erzählungen nicht der Wirklichkeit.
Mir war wichtig, sein Interesse an diesem Thema ernst zu nehmen, aber seinen Blick auch auf andere Themen zu lenken. Als ich ihn darauf anspreche, reagiert er zunächst aufbrausend. Ich sage ihm, dass mich seine Erzählungen beschäftigen und frage, ob wir gemeinsam etwas spielen möchten. Egon wird ruhiger. Im Gespräch wird schnell klar, dass er oft einfach nicht weiß, womit er sich beschäftigen soll. Der Frühhort langweile ihn, ins Spieleregal habe er noch nie geschaut und Zeitschriften seien nichts für ihn.
Wir verabreden uns für den nächsten Frühhort und vereinbaren, dass wir uns gemeinsam die Spiele und das Zeitschriftenregal anschauen.
In den folgenden Wochen verändert sich Egons Verhalten spürbar. Neben der Zeitschrift ModellEisenBahner interessiert er sich vor allem für die Inhalte von Dein SPIEGEL. Diese Zeitschrift bietet kindgerecht aufbereitete Themen zu Politik, Menschen, Wirtschaft, Natur, Technik, Kultur und Sport. Sie enthält Interviews, Comics, Rätsel und spannende Geschichten. Politik steht bei Egon an erster Stelle. Er hat gelernt, Aussagen zu hinterfragen und unterschiedliche Meinungen zuzulassen. Er spricht in einer angenehmen Lautstärke, spielt mit anderen Kindern und nimmt gern an Gemeinschaftsspielen teil.
Egon kommt inzwischen gern in den Frühhort. Langeweile? Fehlanzeige. Oft reden wir über Politik. Er möchte sogar eine eigene Partei gründen und fragte mich neulich: „Muss ich eigentlich studieren, um Politiker zu werden?“
Das Projekt zeigt, wie wertvoll der niedrigschwellige Zugang zu Printmedien für Kinder ist. Dabei werden von mir vor allem die Kinder begleitet und angeleitet, die zuhause keinen Zugriff auf Zeitschriften haben. Somit können wir diesen Kindern eine weitere Chance eröffnen, ihre Persönlichkeit zu entfalten und zu stärken.
*Der Name wurde verändert.
Claudia Grieger // Hort Bildungszentrum Adam Ries, Annaberg-Buchholz
– Herbst 2025 –
Titelbild DJ Paine/Unsplash
Bild im Text Freepik