Wenn Beziehungen Halt geben: Das Luxusgut Zeit im Hort
Im Hort Flohzirkus treffen viele Persönlichkeiten aufeinander. Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte und unterschiedliche emotionale und soziale Erfahrungen mit. Einige Familien befinden sich in herausfordernden Lebenslagen und haben nur begrenzte Ressourcen, ihre Kinder intensiv zu begleiten. Konflikte, Unsicherheiten und emotionale Belastungen werden dadurch auch im Hort sichtbar.
Um diesen Situationen zu begegnen, benötigt das Team vor allem eines: Zeit. Im pädagogischen Alltag ist diese oft knapp. Als zusätzliche Fachkraft im Programm KINDER STÄRKEN 2.0 kann ich mir Zeit bewusst nehmen, für Gespräche, den Umgang mit Konflikten, gemeinsames Nachdenken und Beziehungsarbeit. Vor allem bin ich da, wenn Kinder und deren Familien Unterstützung brauchen. Hier einige Einblicke aus unserem Hort-Alltag:
So machte ein Kind beispielsweise eine abwertende Bemerkung über die Herkunft eines anderen Kindes. Die Reaktionen darauf waren heftig: Rückzug, Tränen, Wut. Ein Fall, in dem sich zeigt, wie gesellschaftliche Spannungen auch in Hort-Kindergruppen im ländlichen Raum ihren Ausdruck finden. In solchen Momenten geht es nicht nur darum, einzuschreiten und zu sagen: „So geht das nicht!“ Viel wichtiger ist es, danach wirklich hinzuschauen, gemeinsam mit den Kindern. Ich setze mich mit den Beteiligten zusammen, höre zu, frage nach, spiegele Gefühle, ohne vorschnell zu bewerten. Oft hilft bereits eine ruhige Atmosphäre und die Frage: „Was hat dich eigentlich so wütend gemacht?“ So beginnen sie, sich selbst und einander besser zu verstehen, weil alle miteinander sprechen. Der pädagogische Umgang mit diskriminierenden Äußerungen ist nichts, was sich „mal eben“ regeln lässt: Er braucht Zeit, Vertrauen und eine kontinuierliche Begleitung.
Besonders intensiv war die Unterstützung einer Familie nach dem plötzlichen Tod des Vaters zweier Geschwister. Die Familie war plötzlich mit Trauer, Angst und großer Unsicherheit konfrontiert. In dieser Zeit konnte ich die Kinder, die Mutter und die Familie als Ganzes eng begleiten. Es entstand eine vertrauensvolle Beziehung, die den Familienmitgliedern Halt gab und auch mich persönlich geprägt hat.
Immer wieder kommen Kinder in mein kleines Büro und sagen: „Ich brauch dich jetzt mal.“ oder „Ich muss mal reden!“ Und los geht’s: Dann erzählen sie von Streit, Problemen, gelungenen Erlebnissen oder Dingen, die sie beschäftigen. Oft brauchen sie einfach jemanden, der zuhört. Genau dafür nehme ich mir als zusätzliche Fachkraft Zeit – genau jetzt in diesem Moment. Diese Beziehungsarbeit ist für mich die Grundlage dafür, dass Kinder sich öffnen und sich sicher fühlen.
Auch Eltern suchen das Gespräch, stellen Fragen, teilen Sorgen. Viele nehmen mich als vertrauensvolle Ansprechpartnerin wahr. Oft fällt es leichter, kurz im Hort ins Gespräch zu kommen, als den Weg zu einer Behörde oder Beratungsstelle zu gehen. Ich erlebe, dass Eltern „schnell“ mich aufsuchen, um „kurz“ ihre schwierigen Situationen zu teilen. So entstehen Vertrauen und Zugänge zu weiterer Unterstützung.
Die Erfahrungen im Hort Flohzirkus zeigen, wie zentral Zeit und kontinuierliche Beziehungsarbeit für die emotionale und soziale Entwicklung von Kindern sind. Sie werden angeregt, ihre Gefühle zu benennen und lernen, Konflikte zu bewältigen und respektvoll miteinander umzugehen. Das ist die Basis für eine Hortkultur, in der Kinder und Familien sich angenommen fühlen.
Ina Thieme // KINDER STÄRKEN-Fachkraft Hort der Kita Flohzirkus, Chemnitz/Wittgensdorf
– Frühsommer 2026 –
Hallo Natur! Familienwanderung im Crimmitschauer Wald
Der frühe Vogel fängt den Wurm – diesem Sprichwort folgten wir und trafen uns an einem Samstagmorgen Ende April 2024 zur Familienwanderung. Mit Arthur, Mia, Rico, Robin, George und Eva aus dem Kindergarten und Hort der Kita Flohkiste und ihren Eltern machten wir uns auf den Weg, um den Crimmitschauer Wald zu durchstreifen.
So zeitig am Morgen hörten und sahen wir verschiedene Vögel, darunter Amseln und Spechte. Die im Wald liegenden Bäume weckten im Nu die Bewegungslust der Kinder. Sie kletterten und überquerten mit Mut und Geschick diese natürlichen Brücken. Auf dem Weg zur Frischbornquelle erkundeten wir weiter Wald und Flur. Mit Wanderstöcken liefen wir auf gekennzeichneten Wegen, doch oft luden uns die umgestürzten Bäume ein, auf ihnen zu klettern, zu sitzen oder kleine Insekten zu beobachten. Beim Beobachten waren die Kinder mit echter Achtsamkeit bei der Sache und staunten über die filigranen Waldbewohner.

An einem kleinen Bachlauf baute Martin mit den Kids einen Damm. Gemeinsam wurden Stöcke und Laub als Dämmmaterial herangetragen. Manche Stöcke waren echt lang. Einfach zu lang für den Damm. Wie bekommen wir diese kürzer? Klar, dachten einige der Kinder: übers Knie gedrückt und knacks. Geht auch, ist aber manchmal ziemlich schwer. Martin hat den Kindern einen tollen Trick gezeigt, wie lange Stöcke auch von Kindern kurz zu kriegen sind: Zwei Bäume, die am Boden so eng stehen, dass sie ein V bilden, dienen als Unterstützung. Zwischen die sehr nah aneinander stehenden Baumstämme wird ein langer Ast oder Stock geschoben und mit ein bisschen Kraft zur Seite gezogen und schon bricht dieser. Ein Kinderspiel!
Außerdem haben wir Rehbetten gesehen. Das sind kleine Kuhlen um Bäume herum und da schlafen die Rehe. Wenn man aufmerksam durch den Wald geht, sind diese gut zu erkennen. Als wir uns diese Schlafstätten angesehen hatten, liefen tatsächlich einige Rehe hinter Bäumen weiter.
Auch zum Verstecken hat der Wald eingeladen: Wir haben uns mit den Kindern versteckt und die Eltern haben sich suchend durchs Unterholz begeben.
So viel frische Luft und Bewegung machen natürlich hungrig. An der Frischbornquelle ließen wir uns nieder, genossen kleine Leckereien und die herrliche Sonne. Nach der Stärkung erkundeten die Kinder auch hier ihr Umfeld, gestalteten sich ihre neue Spielumgebung und kletterten, immer mutiger geworden, wieder über die Bäume. Unsere Runde beendeten wir an der großen Rutsche nahe des Botanischen Gartens. Dort tauschten wir uns weiter mit den Familien aus und die Kids vergnügten sich an und auf der Rutsche.
So schnell vergingen vier Stunden, die wir in Familie oder mit Freunden verbracht und gemeinsame Erinnerungen geschaffen haben. Es war ein Vormittag, an dem die Kinder in der Natur und ohne Vorgaben Erfahrungen machen konnten. Und was ebenfalls schön zu beobachten war: Nach kurzer Zeit hatten sich die Kinder der sonst verschiedenen Gruppeneinheiten (Miniflöhe, Floh-WG, Flohkiste, Wackelzahnflöhe und den Flohteenies) zu einer neuen Gruppe zusammengefunden.
Die Familienwanderung ist ein zusätzliches Angebot über den Kita-Alltag hinaus und ohne finanziellen Aufwand möglich. Zum einen lernen mein Kollege und ich als zusätzliche Fachkräfte die Familien und ihre Themen näher kennen und zum anderen treffen die Familien außerhalb der Kita aufeinander. Wir können auch von aktiver Netzwerkarbeit sprechen.
Wir freuen uns auf die nächste Wanderung!
Ina Thieme // KINDER STÄRKEN-Fachkraft Hort der Kita Flohzirkus, Chemnitz
Martin Urbanski // KINDER STÄRKEN-Fachkraft Kindergarten der Kita Flohzirkus, Chemnitz
– Frühjahr 2024 –
Titelbild Freepik
Bilder im Text © Ina Thieme



