Mit Schleifi durchs Wochenende – ein Projekt zur Stärkung von Sprache, Teilhabe und Selbstbewusstsein
Viele Kinder der Kita An der Schleifscheibe in Dresden wachsen in belasteten Lebenslagen auf. Häufig bestehen sprachliche Herausforderungen, sei es durch Entwicklungsverzögerungen oder Mehrsprachigkeit. Gerade montags zeigte sich im Kita-Alltag, dass viele Kinder Schwierigkeiten hatten, über ihr Wochenende zu berichten. Ohne visuelle Unterstützung fiel es ihnen schwer, Erlebnisse zu erinnern oder zu verbalisieren. Daraus entstand der Wunsch, ein kindgerechtes und niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, das ihre Lebenswelt sichtbarer macht und ihnen eine Stimme gibt.
Daher wurde von mir das Schleifiprojekt ins Leben gerufen, benannt nach unserem Kita-Maskottchen „Schleifi“.Dabei handelt es sich um einen Plüschbären, der symbolisch für die Verbindung zwischen Kita und dem Zuhause der Kinder steht. Jeden Freitag darf ein Kind Schleifi samt Kinderdigitalkamera und einer mehrsprachigen Anleitung mit nach Hause nehmen. Am Montag bringen die Kinder ihre Erlebnisse in Form von Fotos mit in die Kita zurück. In einer offenen Erzählrunde berichten sie gemeinsam mit interessierten Kindern über das Wochenende. Besonders im Fokus steht dabei das Kind, das Schleifi mit nach Hause begleiten durfte.
In diesen offenen Erzählrunden werden sprachliche Bildung, die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie das bewusste Erleben kultureller Vielfalt gefördert. Die Fotos dienen dabei als unterstützendes Medium, um den Zugang zur Sprache zu erleichtern – insbesondere für Kinder, die sich im sprachlichen Ausdruck noch unsicher fühlen oder deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Gleichzeitig entwickeln sie auch Medienkompetenz, indem sie mit der Kamera umgehen und Fotos auf dem Laptop präsentieren, um über ihre Erlebnisse zu berichten. Die Methode stützt sich auf Visualisierung, ritualisierte Abläufe in einem festen Wochenrhythmus sowie eine konsequente Lebensweltorientierung.
Durch die gemeinsame Runde entsteht eine Atmosphäre des Zuhörens und Nachfragens, in den sozialen Fähigkeiten gestärkt werden. Die Kinder erleben: „Was ich erlebt habe, ist wichtig“ und sie entdecken Gemeinsamkeiten mit anderen („Ich war auch mal im Großen Garten!“). Für die Eltern ist das Projekt ein Türöffner zur Kommunikation. Viele berichten, wie stolz ihre Kinder auf die Fotos sind und dass sie zuhause gezielt überlegen, was sie Schleifi zeigen möchten.
Die Bilder werden ausgedruckt und in den Portfolios der Kinder gesammelt. So ergeben sich nicht nur schöne Erinnerungen, sondern auch neue pädagogische Anknüpfungspunkte. Etwa, wenn ein Kind besonders interessiert beim Kartoffelpflanzen hilft und die Fachkraft durch die Fotos erfährt, dass die Familie einen eigenen Kleingarten besitzt.
Durch das Schleifiprojekt konnte eine stärkere Bindung zwischen Kindern, Familien und der Einrichtung aufgebaut werden. Die Kinder berichten selbstbewusster, konzentrieren sich länger in Gesprächsrunden und zeigen mehr Interesse an den Lebenswelten anderer Kinder. Die Eltern fühlen sich mit ihrer Realität gesehen und wertgeschätzt. Das Projekt wirkt nachhaltig in den Alltag hinein und stärkt sowohl die pädagogische Arbeit als auch das Gemeinschaftsgefühl in der Einrichtung.
Sandra Raue // ehemals KINDER STÄRKEN-Fachkraft Kita An der Schleifscheibe (inzwischen Leitung), Dresden
– Frühsommer 2026 –
Titelbild © Sandra Raue