FAMILIE – so vielfältig wie sie selbst, so vielfältig waren auch die kleinen, bunten Zeichnungen, die die Teilnehmenden gleich zu Beginn des KINDER STÄRKEN 2.0-Regionaltreffens Westsachsen auf Papier brachten. Bei einem aufgelockerten Check-In waren die zusätzlichen Fachkräfte und Einrichtungsleitungen eingeladen, auf großen Flipchartbögen eine Familie aus ihrer Einrichtung darzustellen, die sie besonders beeindruckt, wenn sie an Pluralität in Familien denken. Bald wurden an drei großen Plakaten eifrig Genogramme gezeichnet, Symbole gefunden und Codewörter gewählt. Die Ergebnisse waren äußerst kreativ und aussagekräftig und zugleich bot dieser Einstieg Raum für Vernetzung und Austausch.
Am 22. April 2026 kamen rund 100 Fachkräfte und Einrichtungsleitungen in der sonnengefluteten Aula der Westsächsischen Hochschule Zwickau zusammen. Zum Ausklang der im Juni 2026 endenden Förderphase wurde mit diesem großen Treffen für alle Regionen Westsachsens – Erzgebirgskreis, Landkreis Zwickau, Vogtlandkreis, Landkreis Mittelsachsen und die Stadt Chemnitz – der Fokus auf das Thema Pluralität in Familien gerichtet.
Der Vormittag wurde durch einen Vortrag von Prof.in Dr.in Patricia Kröber eröffnet. Anschaulich zeigte sie auf, dass Normalität stets eine Konstruktion ist – individuell geprägt sowie kulturell und gesellschaftlich beeinflusst. Für die pädagogische Praxis bedeutet das: In einer Kindertageseinrichtung gibt es so viele verschiedene Bilder (Konstruktionen) von Familie, wie es Menschen gibt. Jede und jeder von uns trägt eigene Erfahrungen, Vorstellungen und Bilder von Familie in sich und kein Bild gleicht dem anderen. Professionelles Arbeiten mit Familien erfordert daher, sich des eigenen Familienbildes bewusst zu werden und dieses zu reflektieren. Erst durch diese Selbstreflexion wird es möglich, anderen Familien offen und interessiert zu begegnen.
Zugleich, so Prof.in Kröber nimmt die bereits bestehende Vielfalt unserer Gesellschaft weiter zu. Sie bezieht sich in diesem Zusammenhang auf den Begriff der Superdiversität als Familiennormalität – eine Formulierung, die Aladin El-Mafaalani in seinem Buch Kinder – Minderheit ohne Schutz verwendet. Vielfalt wird vielfältiger und die Faktoren, die sie ausmachen, werden zahlreicher. Für das pädagogische Handeln und die Zusammenarbeit mit Familien bedeutet das ein wachsendes Erwartungsmanagement. Die eigenen Vorstellungen davon, was Familien leisten oder wie sie handeln sollten, können in starkem Kontrast zu dem stehen, was Familien selbst erwarten oder als gut und richtig einschätzen. Starre Erwartungshaltungen führen dabei auf beiden Seiten schnell zu Frustration und erschweren die Zusammenarbeit. Eine professionelle Haltung gegenüber Familien zeichnet sich daher wesentlich dadurch aus, ihre Autonomie zu wahren und zu stärken. Für diese komplexe Praxis gewinnt eine weitere Kompetenz zunehmend an Bedeutung: Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten im pädagogischen Alltag auszuhalten.
Mit dem Zusatz „so und nicht anders“ ergänzte Prof.in Kröber den Kreislauf des sozialpädagogischen, bedarfsgerechten Handelns: Auf die Analyse der Bedarfe folgt eine sozialpädagogische Einordnung und Bewertung (Diagnostik). Daran orientiert werden Maßnahmen und Angebote entwickelt, die schließlich reflektiert und evaluiert werden, um gegebenenfalls eine erneute Bedarfsermittlung zu beginnen. Im Zentrum dieses kreisförmigen Schemas steht dabei zwingend die Partizipation der Kinder und Familien. Grundlage all dessen ist eine dialogische Haltung, die auf Respekt und Wertschätzung, Ressourcenorientierung und Empathie aufbaut.
Nach einer sonnigen Mittagspause begann die Workshopphase. In fünf parallelen Workshops wurde das Gehörte vertieft und auf die eigene Praxis bezogen. Die Teilnehmenden arbeiteten in Kleingruppen anhand von Impulsfragen und der Symbolik eines Baumes zum Umgang mit Pluralität in ihren Einrichtungen. In vier Schritten näherten sie sich dem Thema:
- Wurzeln – Werte und Haltung
- Stamm – Wissen, Strukturen und Stabilität
- Laub/Totholz – hinderliche Annahmen und blockierende Routinen
- Blätter/Knospen – Wachstum und Entwicklung
Sowohl in den Workshops als auch beim anschließenden Gallery-Walk der gestalteten Bäume entstand ein reger Austausch. Diskutiert wurden unter anderem eine ressourcenorientierte und vorurteilsbewusste Haltung gegenüber familiärer Pluralität sowie lebensweltorientierte Impulse und partizipative Schritte – beispielsweise, wie Familien aktiv in die Gestaltung von Übergängen und Unterstützungsprozessen einbezogen werden können. Zudem erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit, auf blauen Wassertropfen aus Papier persönliche erste Schritte für ihren zukünftigen Umgang mit Pluralität in Familien festzuhalten.
Am Ende des Regionaltreffens bedankte sich die Projektleitung Dr. Ute Günther im Namen der gesamten Koordinierungs- und Beratungsstelle (KBS) bei den KINDER STÄRKEN-Fachkräften und ihren Leitungen für ihr beherztes Mitwirken und die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Als Zeichen des Dankes wurde das kleine Wort DANKE aufgegriffen und mit dem Programmgedanken verbunden: D wie Dialog, A wie anlassbezogene Auftragsklärung, N wie Neuland, K wie Kernthemen und E wie engagierte Einrichtungen. So wurde betont, was KINDER STÄRKEN in den bisherigen Förderphasen geprägt hat: das gemeinsame Wirken vieler Menschen, die Kinder in den Mittelpunkt stellen und ihr Handeln konsequent vom Kind aus denken.
Weitere Impressionen vom Regionaltreffen
Titelbild und alle Bilder im Text und in der Galerie © SLfG





















